Dienstag, 20. Mai 2008

Der Ingenieur

Und am Schreibtisch entdeckt er zwischen all den notwendigen Strichen die er machen musste, um die passenden Formen und Figuren zu finden, auch jene Skizzen für ein "als ob" oder "als wer" und "als wenn". Und so verließ er schon mal den Pfad des Erfindens und der Funktion und glitt hinab in die Rolle eines Entdeckers und der Fiktion.
Hatte er den Stift mit der Absicht geführt zwei geometrische Körper zu einer Einheit zu verbinden, so geriet ihm eben jene verdichtenden Ansammlung von Linien verlockend arabesque. Die stenge Linie wich bald der geschwungenen und bald zerfiel alles Raumbildende in einer Flut des körperlichen und allzu fleischlicher Öffnungen - in einer Sturzflut von Strichen eines sich ergebenden Stiftes und aus dem "als ob" der Bilderflut erwuchs bald schon das "als wer", indem der Ingenieur einem Rumpf einen Kopf verpasste, welcher diese oder jene Persönlichkeit portraitierte, die ihm mehr oder weniger bekannt war. Einmal in dieser Welt gefangen (einer Welt kopulierender Striche) begann der Entdecker erneut das Erfinden und ersann unendliche Verbindungen zwischen Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann und allen erdenklichen, erfundenen, vergessenen Gegenständen. Je nach Lust und Laune bemühte er dann auch mal mittelalterliche Zitate, in denen Bestiarien ein Sittenbild ihrer Zeit abbildeten und kritisierten, wie sie gleichermaßen die Phantasie ihrer Schöpfer, der Mönche in den klösterlichen Skriptorien illustrierten. In dieser Stimmung - mahnend und mit moralischer Last bedacht - setzte der Ingenieur nicht selten sein eigenes Konterfei auf die nackten Körper. Dabei unterschied er nicht zwischen den drängenden männlichen und den sich schamlos räkelnden weiblichen Körpern. Mal schuf er aus dem eigenen schäl und schief daher blickenden Selbstportrait den Hocker für das breite, ausladend Gesäß einer Urmutter der Lust. Er lies sich nicht alleine in dieser Hölle der Begierden darben. Neben ihm fanden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Platz: Politiker, Schauspieler, gesellschaftliche Eintagsfliegen, Priester jeden Glaubens. - Vor allem aber Propheten größerer Wahrheiten und ihre Adepten. Diese schonte er so wenig wie sich selbst. Und da es der größeren Wahrheiten zu allen Zeiten schon unzählige gegeben hatte, so sollten auch die Propheten dieser Tage unzählige sein und aus allem eine große Wahrheit machen, gleich wie klein auch ihr Denken war.
Einen baute der Ingenieur kunstvoll in die Eichel eines etwas kümmerlichen Phallus ein, dessen "Mund" eine dieser "Wahrheiten" auf den blanken Schenkel einer wahrhaftigen Frau spie. Die Frau aber ist abgewandt und achtet den lauen Pfropfen nicht. Sie wendet sich üppigen Blumen und Gärten zu, die sich aus den wirren Spuren auf dem Papier befreien.

Donnerstag, 21. Februar 2008

Karl Gumbricht träumt eine Szene

Das Bewusstsein lenkt seine Aufmerksamkeit erneut auf mich.

"Karl", ruft Es mir zu. "Karl, es ist an der Zeit weiter zu kommen. Wir haben nichts geschafft!"
"Aber Herr, wir..."
"Ach was - Herr! - seit wann sind wir denn in dieser Stimmung?"
"Nun..." beginne ich erst zögerlich "erst hast Du mich geschaffen und dann lässt Du mich monatelang hier darben, mich beschauen. Fremde Blicke, die immer herablassender hier vorbei ziehen und sehen: da tut sich nichts!
Was ist mit all der Aufmerksamkeit, die Du mir versprochen hast? 'Du musst nur ein wenig mit den Leuten quatschen.' sagt das Bewusstsein, 'dann kommt alles wie von selbst!'
Und was ist mit deiner Aufmerksamkeit, he? Ich bin nicht ich, wenn du mich nicht beachtest? Kein Karl Gumbricht, nicht ein Schatten einer Existenz, nicht mal Erinnerung, wie mir scheint. Kein Bewusstsein kein Synonym. Kein Traum. Kein Synonym keine Existenz für Karl Gumbricht. Noch nichtmal eine verlorenen Figur gebe ich her. Unbeachtet gerate ich zu der unpersönlichen Größe des Nichts, weite mich so weit aus das die Menschen durch die Maschen meiner Netzexistenz hindurchschreiten ohne es zu bemerken. Nichtsexistenz statt Netzexistenz. Noch nicht mal Tod!

Und dann knipst Du eines Tages wieder das Licht an, als wenn nichts wäre, klatschst voller Tatendrang in die Hände und sagst: 'So, Kerl. Aufstehen, wir gehen an die Arbeit! Hopp, hopp.'"

So geht es mir und so sage ich es meinem Bewusstsein, wenn es mich nochmal beachten sollte.

Mittwoch, 28. November 2007

Allegorie

Es ist vergleichbar einfach eine Allegorie als solche zu erkennen. Bilder mit einer bestimmten Szenerie sind häufig allegorisch: komplex inszenierte Stillleben oder im Atelier aufwendig komponierten Dramaturgien weisen mal auf Keuschheit, Lust, Krieg, Frieden, Gier und vieles mehr hin. Dass die Kunst natürlich eine Fundgrube für Allegorien ist, versteht der, der den Wortsinn des hier untersuchten Begriffes kennt. Sinnbildliche Darstellung steht da in Kluges etymologischen Wörterbuch und es sei entlehnt aus dem griechischen: allègorià, welches eigentlich "das Anderssagen" bezeichnet und aus àllos "anders" und einem Abstraktum zu agorèuein "sagen, sprechen" geformt wurde. Das Bild ist Wesen und Ausdruck der Allegorie. In der Rethorik, so Kluge, gehört die Allegorie zu den Tropen der antiken Rhetorik.Tropen? Ja, hier merkt man deutlich auf. Wer jetzt den Urwald assoziiert und schon den Schrei exotischer Vögel zu hören vermeint, dem fehlt es, so wie dem Autor, an geisteswissenschaftlichen Know How. Tropen ist eine Neubildung des griechischen Begriffs tropé (im Plural tropaí), was "Wende" bedeutet und hinführt zu "wenden" - trépien und als "Gebiet zwischen den Wendekreisen (der Sonne)" seine allegorische Aufladung erhält, die es erlaubt eben dieses Wort :Tropen, im Sinne von: "Wendungen der Antiken Rhetorik" zu gebrauchen.

Oder so.

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Freitag, 23. November 2007

Sinnliste

Mein Bewusstsein tut sich schwer mit Worten. Ihm entschwindet die Bedeutung bestimmter Wörter. Meist geschieht das mit Worten die große Menschen benutzen. Solche die tief denken und weit blicken können, wenn sie sich schreibend über große Sachen auslassen. Gerade las das Bewusstsein einen Text von Borges. Darin waren schon ein paar Begriffe deren Bedeutung ES nur noch als blassen Schimmer, am Rande seines Wissens schemenhaft wahr nahm. Schließlich stolperte ES erneut über ein Wort, welches ES schon häufiger nach geschlagen hatte, weil dessen Bedeutung so groß erschien, wie der Klang dieses Wortes. Ein Fremdwort. Und ohne dieses Schloss zu knacken, ohne ein selbstverständliches Verstehen des Wortes - da half kein blasser Schimmer -, ließ sich der tiefe Gedanke des Textes nicht entschlüsseln. Mein Bewusstsein hat mich, Karl Gumbricht, damit zu beauftragen die Bedeutung der Worte zu erforschen die für ES wichtig sind, weil ES diesen Worten so oft begegnet und genau so oft deren Sinn wieder vergisst. Jetzt könnte ich hingehen und hier unten in der Welt der Archive nachschlagen, dann einen Hinweis setzten und andere lesen lassen, was mein Bewusstsein gelesen hat. So aber geht es nicht, sagt mein Bewusstsein. Ich solle es aufschreiben. Ich solle endlich Worte und Geschichten finden, das Wort für ES und mich s e l b s t v e r s t ä n d l i c h zu machen, damit es damit ein Ende habe, jedesmal nach zuschauen. Das Problem sei, dass man nicht genug Übung mit den Worten habe, die ihren Sinn verlieren und es gelte diesen Circulus vitiosus zu durchbrechen.

Hier ein Liste der Worte, deren Wortsinn im Laufe der Zeit untersucht werden sollen:
  1. Tautologie
  2. Allegorie
  3. teleologisch
  4. Epiphanie


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Donnerstag, 22. November 2007

Das kann nicht ich sein


Kennst du den Kerl der vorgibt ich zu sein? Das Haar dunkel, kurz geschnitten, einfach nur geschnitten - ohne dieses hin her, dieser Mischung aus Dienstleitung und Kunstgewerbe, die man ihm heute andrehen wollte, bei dem neuen Friseur um die Ecke, wo er hin, weil so ein Bon im Briefkasten lag: Schneiden, Waschen, Legen für 8.90 – Kennenlernpreis. Am Ende hat er 18 Sachen hingelegt, war raus und wollte nie mehr wieder kommen. Wie hat der gequatscht, der coole Hairdresser, mit den Scheren geklappert und gedrängt. Schlussendlich sagte der, der ich ist: „Wissen sie was: Konservativ! Einfach nur kurz – ich bin kein junger Hüpfer mehr.“ Danach haben alle geschwiegen. Der ich bin aber hat leise gelächelt und sich im Spiegel betrachtet – dabei erkannt, dass er zu den Jungen nicht mehr gehört, gleichwohl er sich in der Zeit nicht so schnell verloren hatte wie andere - aber von Weisheit keine Spur. Sein Blick weicht sich nicht aus. Er, das Ich, sie blicken sich fest an und halten sich aus. Dunkle, braune Augen mit einem unbestimmten Ernst in der Spannung des Augenblicks.

Die eine Hälfte des Gesichts im Schatten die andere im Licht. Und dann noch die Zitate des Widersprüchlichen - sowohl auf der dunklen wie auf der hellen Seite. Da ist auf der Wölbung zwischen Lid und Braue inmitten des Schattens eine Insel des Lichts. Über die Nase mit ihrem weichen Schwung zieht sich eine mit Pigmenten gepflasterte Straße und das Auge wird durch dunkle Schatten gerahmt. Das Kinn blieb für zwei Tage unrasiert und die Stoppeln führen hin zum Hals, der der Müdigkeit stand hält und sich streckt um der Details willen; denn hat er das Ich erstmal entdeckt, dann ist es wie ein gutes Gespräch unter Freunden – man kann nicht davon lassen zu hören, wie es dem anderen geht - und natürlich zu behaupten es ginge einem Selbst ganz wunderbar. Nicht mehr der Jüngste zwar - nicht mehr jung und noch nicht alt -, aber ach, was soll man schon sagen; und dann drückt man sich die Sorgen auf die Stirn und fragt sich selbst, wieder im Stillen: Was habe ich denn schon erreicht? Die Pupillen überzieht eine sämige Müdigkeit. Das kann ich nicht sein.




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Montag, 19. November 2007

Über

ES denkt ich, Karl Gumbricht, sollte Ihnen, den Lesern (sofern es sie gibt, wie vermessen so ein Bewusstsein sein kann!) erklären, wie es mit diesem Raum im WeltWeitenNetz hier weiter gehen könnte.

Erst mal ein paar Bemerkungen zur Form. Allen voran meinem ersten Kommentator, Herr Alban Nikolai Herbst verdanke ich einige formale Aspekte. Da ist zum Einen die Sache mit den e n t z e r r t e n Worten im Text. Dass hat ES beieindruckt, als ES den Text so geschrieben las. Dadurch kommt eine klangliche und zeitliche Komponente in den Lesefluß, ganz anders, als wenn man es "nur" kursiv oder fett gedruckt darstellte. Und dann ist da dieser Titel: VirtuellesSeminar.Heidelbe rgerVorlesung2007.Annäheru ng. Auch dieser ist ein Zitat und darauf zurück zu führen: Heidelberger Vorlesung I (1). Arbeit in der sterbenden Schriftkultur ist Arbeit am Sterben der Schriftkultur., was der Art von AN Herbst entspricht, den Titeln die notwendige Information zu geben. Nicht nur, dass das an und für sich gefällt. Es geht bei der Anleihe in der Form auch darum sich sozusagen virtuell als Gasthörer in Die Dschungel.Anderswelt einzuschreiben.

Als Lernen im Umraum hatte mein Denker schon mal im Netz einen Blog aufgesetzt und sieht dafür die eigentliche Rechtfertigung Textproduktionen, Gedanken, Recherchen öffentlich zu machen. Dass Veröffentlichen ermöglicht in erster Linie Reflexe. Diese wirken nach und das soll so sein. Es kann sich nur entwickeln, was versucht wird. Die Intention und die Funktion dieses Werkzeuges "Blog" liegt also in der Beförderung einer Kommunikation im weitesten Sinne. Der Zweck liegt im Diskurs. Nicht im Text. Die Texte sind Notwendigkeiten, die gedacht werden mussten - mehr nicht. Sie zu verschließen käme einerseits einer Zweckentfremdung gleich, andererseits stünde es der Formgebung der eigenen Gedankenwelt im Wege.
So viel dazu.

Abschließend nochmal ein Hinweis auf Georg Keuschnig, der mich hierher brachte. Ich wurde hier unten eigentlich nur angemeldet, da Keuschnig angeboten hatte diesen Text über Magris auf seinem Blog zu veröffentlichen unter einem Pseudonym, um meiner bisherigen Internetexistenz aus dem Wege zu gehen. Das wurde nicht abgelehnt, im Gegenteil. Jetzt steht Karl Gumbricht sozusagen neben ihm und freut sich über die ersten Kommentare. Keuschnig formuliert am Ende eines Gedankens über Iris Radischs Frage nach dem Verbleib der Schreibhemmung als Zeichen des Respekts vor der literarischen Form:
Ich schreibe und schreibe und schreibe. Und das Publikum? Es lechzt nach anderem. Oder nach Ruhe.
Es geht nicht um das Publikum. Es geht um die Begleiter, die Parallelen, die Ergänzungen - es geht, so wie Keuschnig es in seinen Rezensionen und Essays macht, um Inhalt und Form.


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VirtuellesSeminar.HeidelbergerVorlesung2007.Annäherung

Herbst schreibt kraftvoll. Viele Denkanstöße finde ich schon in seiner ersten Vorlesung . Ich muss seine Ausführungen nach dem ersten Teil beiseite legen um eigene Gedanken zu fassen, die mich bewegen, ohne die Tiefen zu kennen, die Herbst noch ausloten will.

Da ist zum Einen die Dichtung als Deutungshof und die darum herum angesiedelten Begriffe der "unscharfen Schärfe" und des "raumlosen Raumes". Beides wunderbare Analogien zu dem was sich im Schreiben und im Denken tut, wenn - ja wenn sich dieser Prozess nicht auf eine Ziel zubewegt sondern im Trüben fischt, im Nebel stochert. Und es sind beides Bezeichnungen für eine räumliche und eine quantitative Qualität, die in der Fortführung der "Sprache, die sich selbst mitteilt" dem Begriff "Dichtung" wieder neu belebt und von seiner funktionalen, weil scheinbar beschreibenden Bedeutung, mehr ablesbar wird als zunächst gedacht.

Die "unscharfe Schärfe" als literarisch/quantitative Qualität bezeichnet den Versuch der Dichtung im U m - R a u m der verwendeten (Gegenstands-)Wörter, ihrer deskriptiven und assoziativen Präsenz, eine nur auf die Wahrnehmung des Lesers zielende Fülle frei zu lassen, die Herbst wiederum als Möglichkeitspotentiale denken würde. In der Möglichkeitspoetik - auch ein Begriff den Herbst in diesem Zusammenhang benutzt - verblasst die Wirklichkeit in dem Strom der Möglichkeiten und es entsteht ein fantastischer Text, eine Fiktion, die sich allerdings - wie jede Fantastik, wie jede Mystik - auf die Realität bezieht. Nichts besonderes? Herbst behauptet aber, literarische Welten besäßen eine besondere Eigenständigkeit, die ja dann wieder Auswirkung auf die scheinbar reale Welt hätten, denn Eigenständigkeit bedingt ja auch eine gewisse Energie. Zudem erübrige sich so die Frage nach der "Wirklichkeit" oder auch verböte es sich nach dem autobiographischen Faden des Autors nachzufragen, da dieser sich ja in Erzählung auflöst und die einzige Antwort dann ehrlicher weise bliebe: "Ja es gibt genau einen autobiographischen Zusammenhang zwischen dem Werk und meinem Leben: Ich war es der das geschrieben hat!" (War es Mosebach, der das bei der Buchmesse sagte? Ich habe es jedenfalls nicht gesagt, nur gesammelt.)

Was schafft unscharfe Schärfe?

Und hier beginnt mein Verständnis für das Plädoyer Herbsts, indem er für eine Freiheit von Funktion in der Dichtung spricht. Dies ist, so scheint es, ein zentraler Aspekt von Herbsts Kunstauffassung zu sein. Herbst stellt die Sonderrolle der Sprache heraus, gegenüber anderen künstlerischen Techniken, wie der Musik. Worte seien stärker an eine funktionale Wirklichkeit gebunden, als es Musik und Noten seien, die einen eigenen Abstraktionsgrad erreicht. Walter Benjamin scheidet "zwischen dem Namens- und dem Begriffsanteil eines Wortes. Der Name ist das, was ein Wort i s t; der Begriff das, was ein Wort bezeichnen soll." Dieses Spannungsfeld zwischen der metaphysischen Komponente des Namenanteils des Wortes und dem funktionalen Begriffsanteil, der bezeichnet wozu wir das Ding, welches dieses Wort meint, "in unserem eigenen und/oder dem Interesse des anderen benutzen". Herbst will den direktesten Weg zwischen Name und Begriff auflösen durch eine E N T - D I C H T U N G. Kann es sein, dass er dies mit unscharfer Schärfe meint? Nicht das Wort vereinnahmen - schon gar nicht als Produzent von Literatur, von Kunst. Die Vereinnahmung beginnt in der Profanisierung von Begrifflichkeiten durch die Festlegung kalkulierbarer Interpretationsmöglichkeiten aller verwendeter Begriffe. Hier deckt sich der Gedanke von Herbst mit der Idee einer Philosophie des blassen Schimmers, der der Autor dieses Textes anhängt. Herbst spricht von "einer unangemessenen Hochschätzung für konkrete, konkretisierter und handelbare Begriffe." Dies setzt eine gewisse Expertise voraus, die nicht jeder einbringen kann. Sie führt in die Einbahnstraße des Jargons. Sie lässt andere draußen. Sie bedient Zielgruppen. Die Vereinnahmung wirkt der Kunst entgegen.
Ich möchte noch einmal auf die Form zurückkommen: Form als Medium des Ausgrabens, von dem ich behaupte, daß Kunst es sei, und zugleich als Asservat der handwerklichen Befä­higungen, Kunst überhaupt schaffen zu können. [...]

Form ist zudem ein Raum. In ihr findet etwas statt, das sich selber zum Ziel hat.
Ich hatte zuvor schon, ganz absichtlich und in Anlehnung an Herbst den Unschärfebegriff mit räumlichen Begriffen verknüpft. Mit dem U M - R A U M versuchte ich den Bereich der Sprache, der Dichtung zu beschreiben, in dem die Freiheit der Rezeption eines Werkes stecken. Die Distanz, der Rhythmus, die notwendige E N T - D I C H T U N G. In dem obigen Zitat führt Herbst in der FORM das Räumliche mit dem Quantitativen zu sammen. Das Ausgraben, die Form als Medium und der Raum der sich selbst ausstellt - eine Form der Plastik.

Was ist ein raumloser Raum?

Hier unten erhält man einen Eindruck eines raumlosen Raumes. Hier unten, im WeltWeitenNetz, spürt man die nicht endliche weil unbegonnene Ausdehnung eines Raumes der gleichermassen verbindet und trennt, in dem alles ist und nichts ist. Wenn ich den Rechner runter fahre existiert Unten nicht mehr. Weil ich mich nicht in der Welt bewege ist die Welt nicht. Ist das so? Gilt das auch für die Welt der Bücher? Für die zwischen den Buchdeckeln, den Kapiteln, den Zeilen, den Wörtern entstehenden Welten, die sich auf unsere Welt beziehen, aber nur wenn wir ihre Präsenz dulden und fördern, wenn wir den Raum ausserdem um eine weitere Dimension erweitern: der Zeit. Indem wir die Zeit hinzunehmen nimmt auch die Unschärfe wieder zu. Sowenig ich mich ausserhalb meines Schreibens und Lesens in der Zeit bewege, sowenig befinde ich mich in der Zeit, wenn ich schreibe und lese. Während der Alltag tut kann ich die Zeit nicht bestimmen. Während ich lese bewegt mich das Buch und ich durch das Buch in der Zeit. Es ist nicht so, dass absolute Orte und absolute Zeiten in den Büchern zu finden sind. Es sind unbewusste Annäherungen an die Intuition des Lesers, es Autors, an seine Erfahrungen. Die Kunst macht den Leibraum des Autors, des Lesers sichtbar. Der Leibraum ist der um ein Wahrnehmungsfeld erweiterter Körper. Ob wir rennen, reiten, ein Auto lenken - oder wie Herbst beschreibt: ob wir der Anwesenheit eines dritten Unsichtbaren im Raum bewusst sind - das alles sind Äusserungen des Leibraumes. Diese Spalte zwischen hier und dort ist auch Bedeutungshof.

Freitag, 16. November 2007

Tautologie

Tautologie

Tauto lerne ich ist eine griechisches Bestimmungswort mit der Bedeutung "dasselbe, das gleiche" - so steht es in Meyers Taschenlexikon Band 22, Tat/Unga. (Jetzt weckt "Unga" mein Interesse, aber ich muss am Ball bleiben. Ich muss heute noch weiter forschen, es zu einem Ende bringen.) "Tautologie" steht nur zwei Begriffe weiter. Als stilistisches Mittel, erfahre ich dort, findet man es als Zwillingsformel z.B. bei: angst und bange. Ähnliche Begriffe, die dasselbe bezeichnen also. Grün und blau schlagen wäre wohl auch so eine Tautologie. Vom Prinzip her passiert dabei ja dasselbe: Die Haut wird durch Gewalteinwirkung farblich verändert. Die Frage ist natürlich ob ES Tautologien erkennen und - gut geübt - in sich hinein horchen wird und jubilierend feststellen kann: Aha! Eine Tautologie. Jetzt tauchte die Tautologie, um die es meinem Bewusstsein geht, in einem Essay von Borges aus dem Jahre 1946 auf. Fast unscheinbar und nicht zwingend zum Verständnis des gesamten Textes von Bedeutung ist es dennoch - wie immer, denkt ES - so gesetzt, dass man nicht darum herum kommt, das Wort nochmals nach zu schlagen. So steht da also:

"...;jedesmal wenn ich einen Germanophilen über das "Jiddisch" herfallen höre, muß ich daran denken, dass das "Jiddisch" in erster Linie eine deutsche Mundart ist, kaum befleckt vom Idiom des Heiligen Geistes."

Ein und dasselbe ist also die Sprache. Und die Germanophilen sind jene, die einen Unterschied im Gleichen aufzudecken suchen, wobei sie in ihrer Abfälligkeit über das "Jiddische" sich auf die eigene Sprachkultur beziehen, zwangsläufig, weil die Unterscheidung in Sprachen nicht zulässig erscheint, da wir es mit einer Mundart zu tun haben, die sich aus dem Deutschen herleitet. Mir gelingt es nicht das nach stilistischen Gesichtspunkten zu entzerren. Jetzt steht hier aber auch, dass es eine philosophische Ableitung für den Begriff gibt. Den Teufelskreis. Den Circulus vitiosus. Unter dem Aspekt versteht sich die Tautologie schon eher. Wieder bei Meyers, Band 4, Bou/Com, unter Circulus vitiosus, wird von einem Beweisfehler gesprochen, bei dem die zu beweisende Aussage für den Beweis vorausgesetzt wird.

So könnte es gehen. Zu Borges Tautologien gehört auch folgende Betrachtung:

"...; jedesmal wenn mir das Fragment 91 des Heraklit einfällt: Niemand kann zweimal in denselben Fluß steigen, bewundere ich die dialektische Gewandtheit, ja die Leichtigkeit, mit der uns die erste Bedeutung ("der Fluß ist ein anderer") aufgeht, uns insgeheim die zweite ("ich bin ein anderer") bringt und uns die Vorstellung erlaubt, als hätten wir sie erfunden; ..."

Jetzt lehnt sich mein Bewusstsein erstaunt auf. Borges widerspricht der Tautologie nicht? Er lebt sie? Borges schreibt: "Diese Tautologien (sowie andere, die ich verschweige) sind mein ganzes Leben." Sie scheint ihm ein Prinzip, oder besser: ein Phänomen unserer Existenz zu sein. Ist das die metaphysische Betroffenheit, von der Borges einleitend schrieb?

Donnerstag, 15. November 2007

Magris besucht Heine

Oder
Anleitung zur Lektüre eines Weltromans


Dieser Text wurde nach einer Lesung von Magris in Düsseldorf im September verfasst. Das Buch begleitet mich derzeit. Als ich dies schrieb hatte ich den Text noch nicht gelesen.


Claudio Magris im Heinehaus. Vielleicht sollte ich die Umwege beschreiben, die mich zu dieser abendlichen Lesung führten, erscheinen sie mir doch heute Morgen, am Tag danach, als würde in diesen Umwegen eine kleine Episode aus dem Universum von Magris nachgestellt. Nicht episch und so gar nicht bedeutungsvoll, aber im Rückblick geheimnisvoll verwoben mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, mit der Zeit also und mit Orten, mit Wollen und Können, dem Wie und dem Was.

Ich war am Montagmorgen in der Stadt. Wenn ich in der Stadt bin, schlendere ich fast schon wie ein Süchtiger - ganz willenlos - in die Buchhandlung Müller & Böhm. Die Literaturbuchhandlung - diesen Untertitel gibt sie sich zu Recht - hat im Heine Haus, mitten in der Düsseldorfer Altstadt auf der Bolkerstraße, eine prominente Adresse bezogen und das schon seit einiger Zeit. Zuvor fand man die Buchhandlung eine Straße weiter, um die Ecke in der Neustraße, in Richtung Carshhaus. Als ich nach langer Zeit mal wieder Müller & Böhm eben dort aufsuchen wollte, stellte ich verstört fest, dass nun ein anderer Laden dort aufgemacht hatte. Von dem Umzug wusste ich nichts. Die Buchhandlung war mein Geheimtipp. Ich ging dort hin, wenn ich eine besondere Stimmung brauchte, wenn ich einen ziellosen Bücherkauf anstrebte, die Befriedigung einer geheimen Lust. Nun war der Laden fort. Mit viel Glück und zufällig endtdeckte ich ihn etwas später – neu eröffnet – auf der Bolkerstraße.

Also finde ich mich am Montagmorgen plötzlich im Eingang des Ladens meiner Wahl wieder. Die Kasse steht nahe bei der Tür, so dass die zahlenden Kunden einem ein wenig im Wege stehen, wenn man den hohen lichten Raum betritt, der weit in die Tiefe geht. Das Format des Ladens erinnert mich an eine auf der Seite stehende Schuhschachtel: eher hoch als breit und eher lang als hoch. Mir steht ein feines Düsseldorfer Paar im Wege, im Gespräch mit Herrn Rudolf Müller, dem Ladeninhaber, einem jovialen Herren mit grauen Haaren und einer feinen, rötlichen Hornbrille, die an einem Band schon mal vor seiner Brust baumelt, die er dann aber immer wieder, erst mit Zeigefinger und Daumen der einen Hand etwas anhebt und dann, im Verlauf des Gespräches, mit beiden Händen bewegt, als rührte er im Geiste, um die passenden Worte darin zu finden oder den Standort des nachgefragten Buches, oder den Autor zu erraten, die Neuerscheinung und, und, und. Er hat etwas Jugendliches, obwohl er irgendwo zwischen 50 und 60 Jahre mit sich herumträgt. In dem Gespräch, so fällt mir gleich auf, geht es um etwas Bedeutendes! An der Kasse, mir den Rücken zuwendend, steht zudem eine Frau, die sich bei der jungen Mitarbeiterin über irgendeine Vorbestellung informiert. Soviel nehme ich wahr, während ich in den hinteren Teil des Ladens verschwinde, um zu stöbern. Allerdings bin ich in Gedanken noch bei den eher unbewussten Signalen, die ich auf dem Weg aufgeschnappt habe, als ich die entschiedene Stimme der Ladeninhaberin, Frau Böhm, vernehme, die am Telefon so manche Abwehrschlacht zu führen scheint. Es geht um Bücher, natürlich, was mich beruhigt auf die auf den Tischen ausgelegten Bücher blicken lässt. Ich überlasse mich diesen Büchern und meine auditive Wahrnehmung verkümmert zugunsten der visuellen und haptischen Reize, denen ich gerade verfallen bin.

Mein Auge streift Claudio Magris "Die Welt - en gros und en détail" und ich greife zu. Ich wiege das Buch in der Hand, lese wohlwollend den Klappentext - und bin schon verfallen: Magris - Triest, die Eltern in Triest, ein Adlernest als Seniorenresidenz mitten in der Stadt meiner Mutter, mit der sie uns alle auf immer verwoben hat, indem sie meinen Vater verführte; die Stadt mit den Bildern, die ich von ihr habe, von denen kaum einer weiß, die ich aber mit mir herum trage, als wäre es ein wenig meine Stadt. Magris also, mit einem Buch über die Welt, die in Triest beginnt, im San Marco, dem Kaffeehaus der Stadt, das mich als Kind faszinierte, weil es meinen Namen trug, ansonsten aber eines der Details für die Stimmung dieser Stadt war, die ich damals als entrückt empfand. Heute würde ich die Stimmung der Stadt aus den Augen des Kindes mit den Worten des Erwachsenen als morbid bezeichnen und irgendwie dekadent. Damals fehlten mir dafür Worte. Damals gab es Gerüche, Großeltern, gebohnerte Flure; den dunklen Cortile - quitschende, ergraute Wäscheleinen von Küchenfenster zu Küchenfenster im ewigen Schatten des Innenhofes. Es gab den Friseur; die süßen Fave; die Irre, die mit den Tauben schimpfte; die Andere, die wie ein kleines Mädchen gekleidet einen Puppenwagen schob; die Großtante in ihrem abgeschlossenen Leben, dass sie zwischen Küche und Schlafzimmer lebte - der Rest der Wohnung bestand aus verhangenen Sofas und Sesseln unter weißen Laken und zugezogenen schweren Fensterläden. Vielschichtig und vielstimmig sind die Gründe, warum wir Bücher lesen wollen, und alla cieca vertrauen wir dem Chor der Gründe und greifen zu diesem oder jenem Buch.

Selinde Böhm, eine resolute aber ebenso zuvorkommende Frau hat am Telefon Thema und Tonfall gewechselt. Es geht um Vorbestellungen.
„Wie üblich, Preise wie immer, ja, aber es sind viele zu erwarten.“
Meine Aufmerksamkeit ist erneut gefangen, aber ein Buch habe ich mir ja schon gesichert, der unbewusste Druck löst sich und meine Wahrnehmung weitet sich langsam wieder. Safranski ist das Stichwort. – Ach, der kommt hierher? Ich eile zur Kasse - ich will mir gleich eine Karte sichern. Dort hängt auch das Plakat mit dem Hinweis auf seine Geschichte der deutschen Romantik. Ich bestelle eine Karte und finde noch einen Grund, ein Buch mit zu nehmen – man will ja nicht immer unvorbereitet sein.
Nebenher habe ich noch eine schöne Zeitschrift eingesteckt, die erst in ihrer zweiten Ausgabe erschienen ist. Es handelt sich um die „Zeitschrift für Ideengeschichte“. Das ist hier nur deswegen interessant, weil ich die Zeitschrift wegen ihres Titelthemas erstanden habe - und wegen ihrer wegen ihrer schönen Aufmachung natürlich! Anfänger! ist der Titel dieser Ausgabe (und ist auch der Auslöser für den Kauf.) Ich notierte am 02.Mai dieses Jahres in mein nagelneues, jungfräuliches - aber nicht erstes - Moleskinebüchlein folgenden Gedanken auf der ersten Seite:
„Ein Anfang, wieder ein Anfang. Das was ich zumeist produziere sind Anfänge. Deswegen und aus Respekt vor den Werkerstellern empfinde ich mich als ewigen Anfänger. Weniger als Amateur. Liebhaber bin ich als Konsument (von Literatur). Als Kreativer verharre ich in Anfängen, Entwürfen, Konzepten. Auch dieser Gedanke wird irgendwo stecken bleiben und der Kreis sich nicht schließen...„

Und dann stehe ich wieder an der Kasse. Nicht überladen, aber glücklich, befriedigt und beschenkt durch die Aussicht, Herrn Safranski live erleben zu dürfen. Ich unterhalte mich ein wenig mit den netten Ladeninhabern über dies und das, beginnend damit, wie froh ich sei, endlich mal rechtzeitig auf eine Lesung aufmerksam geworden zu sein, über Sinn und Unsinn von Newslettern und ähnlichen Dingen und schaue entspannt umher, als ich den Namen Magris auf einem kleineren, in Schwarz Weiß gehaltenen Plakat erspähe. Vorbei, schießt es mir durch den Kopf. Dem Datum nach: gelaufen, verpasst.
„Ach, der Magris war hier“, sage ich mit einem Quäntchen Enttäuschung in der Stimme. “Noch so eine verpasste Chance...“ füge ich lächelnd hinzu.
„Morgen Abend“, erwidert der Buchhändler freundlich, „da sind sie noch in der Zeit!“. Noch ein Buch kann ich heute nicht kaufen, entschuldige ich mich bei Herrn Müller. Es soll ja auch gelesen werden. Das Buch Blindligs – Alla cieca jedenfalls kann ich mir heute nicht mehr leisten denke ich achselzuckend. Es ist wohl soeben erschienen und Franz Haas von der NZZ durfte es schon vorab lesen -sagt mir der Klappentext- und schrieb dazu: „Ein großartiges Werk, das Weltgeschichte und private Geschichten in einem komplexen, poetischen Erzählstrom vermischt.“ Und dann noch: Magris - Triest, die Eltern in Triest, ein Adlernest als Seniorenresidenz...

Jedenfalls verlasse ich erwartungsvoll den Laden meiner Wahl - wie üblich, wohlig befriedigt und gleichsam berauscht, wohl wissend, dass sich soviel Stoff noch hinter und vor mir für meine Sucht bereit hält, vor allem aber erwartungsvoll, denn ich fiebere schon dem kommenden Abend entgegen, an dem ich zu der Lesung von Magris mich wieder hier einfinden werde. Die Zeit des Wartens vertreibe ich mit dem ersten Kapitel über Die Welt - en gros und en détail und lerne viele Figuren kennen, denen Magris in dem Café San Marco an der Piazza del Popolo in Triest beim Schreiben seiner Bücher begegnet. Ich betrete ein mir bekanntes Universum und verliere mich für einige Minuten darin:
„Es hat etwas für sich, unter den feixenden Masken und inmitten der Gleichgültigkeit der Leute um einen herum die Seiten zu füllen. Dieses freundliche Desinteresse korrigiert den im Schreiben verborgenen Alltagswahn, der sich anmaßt, mit ein paar Blättern Papier Ordnung in die Welt bringen zu wollen und sich voller Gelehrsamkeit über Leben und Tod zu verbreiten. So fließt, gewollt oder ungewollt, eine durch Bescheidenheit und Ironie temperierte Tinte aus der Feder. Das Kaffeehaus ist ein Ort des Schreibens. (dtv, S.15)“
Am folgenden Abend gewährt Magris dem interessierten Publikum Einblick in die Gelehrsamkeit und Bescheidenheit seines Denkens.

***
Der Abend der Lesung wird durch einen Verlust an Zeit eingeläutet. Meine Frau wartet mit einer Verspätung auf, die ich versuche aufzuholen, was mir schließlich auch gelingt. Was mich fertig macht, ist die Möglichkeit zu spät zu kommen. Nicht zu wissen, ob die Zeit, die einem zur Verfügung steht, ausreichen wird, oder ob jede angebrochene Minute, die der Wagen an einer verdammten Ampel steht oder hinter einem notorischen Stadtschleicher her fährt, verloren ist und einen Anfang ohne mich bedeutet. Noch schlimmer ist die manische Vorstellung, dass eine Verspätung zwangsläufig einen Ausschluss von der Lesung bedeuten könnte. Wer lässt sich schon von Verspäteten gerne stören? Sollen die halt zeitig losfahren! Nein, tut mir Leid.- Sie sind zu spät!

Ich habe aber dann, nachdem ich den Wagen im Parkhaus nahebei abgestellt habe, noch ganze zehn Minuten. Zeit, wirklich anzukommen, mich
umzuschauen, die anderen Gäste des Abends zu taxieren und festzustellen, ob ich zu den wenigen Menschen gehöre, die den Altersschnitt von kulturellen Veranstaltungen senken - wie gewöhnlich. Ich bin allerdings nicht ganz so allein. Gleichaltrig im weitesten Sinne empfinde ich mich mit einer soliden Minderheit, zahlenmäßig unterlegen zwar, aber immer noch als Gruppe wahrnehmbar, ohne dass einzelne Personen zu sehr auffallen. Es hätte mich enttäuscht, wenn ich zwischen den leisen Gesprächsfäden im Publikum nicht auch das eine oder andere italienische Wort vernommen hätte.

Magris hat tatsächlich das, was meine Mutter jugendlichen Charme nennt - l'aria da giovanotto. Im Alter meines Vaters und auch im Auftritt diesem nicht unähnlich - volles Haar, noch dunkel, freundliche Konzentration im Blick -: in mir macht sich eine behagliche Stimmung breit, die natürlich jegliche Grenzen überschreitet und mir einflüstert: den kennst du,als er in einem sich ins Schwarz sehnenden blauen Anzug den lichten Saal betritt. Das Hemd Ton in Ton zum Anzug, ein paar Bücher unter dem angewinkelten Arm, dicht an sein Herz gedrückt, bleibt er kurz stehen und verweilt im Gespräch mit den Gastgebern und diesen und jenen. Nachdem er die Jacke abgelegt hat, wartet er noch einen Augenblick, bis er von meinem Buchhändler zum Podium geführt wird. In diesem Augenblick des Wartens sind seine Bewegungen etwas angespannt - sie drücken auch eine bescheidene Zurückhaltung aus, die durch die Zuwendung zu den Menschen im Publikum, das er mit einem kurzen einnehmenden Lächeln in Augenschein nimmt unterstrichen wird.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Müller, einigen freundlichen Worten des Wiedersehens, denn Magris ist nicht zum ersten Mal hier zu Gast, übergibt der Buchhändler das Wort und die Aufmerksamkeit dem Buchautor, der mit einer Einleitung zu den Hintergründen der Geschichte Alla Cieca- Blindlings beginnt. Magris hebt in einer nahezu unverbindlichen Tonlage, im Plauderton, an, davon zu erzählen, wie er vor 18 Jahren in Amsterdam auf die Idee zu diesem Roman gekommen sei, worauf er sofort drei Seiten niederschrieb. Diese drei Seiten sollten das Ende der Geschichte werden: Was ist mit dem Anfang, frage ich mich. Ich kenne nur Anfänge! Magris spürt die Frage im Raum auf und antwortet: Man müsse sich das so vorstellen wie auf See. Segeln sie? Es ist ja so, dass man auf dem Boot die Küste sieht, den Hafen, das Ziel kennt, welchen Weg man aber einschlägt, wie die Winde wehen, was auf dem Weg dorthin geschieht, dass alles bleibt einem verborgen.
Verständlich vielleicht, dass der Mythos der Argonauten zu einem Subtext der Geschichte über das Scheitern von Utopien gerät. Einen anderen Faden nimmt der Autor in Antwerpen auf, wo er (in welchem Kontext auch immer,) der Figur des Jorge Jorgenson begegnete, einem Weltreisenden, ein fragwürdiger Held und Abenteurer, der nach dem Ende der Schlacht vor Kopenhagen der grausamen Blindheit von Admiral Nelsons linken Auge zum Opfer fällt. Nelson soll die Stadt noch weitere zwei Stunden beschossen haben, obwohl die Dänen bereits kapituliert hatten. Die Weiße Fahne habe Nelson nicht gesehen, weil er sich das Fernrohr an das blinde linke Auge gehalten habe, ohne es zu merken – alla cieca – und Jorge Jorgensen stirbt.

Im Zentrum des Romans steht Salvatore Cippico, ehemals Zippiko, eine jener Figuren, die von hier nach dort und wieder zurück Grenzen überschritten, Grenzen zwischen Ost und West, Grenzen, deren Verlauf in Triest noch heute lebendig sind in Namen wie: Svevo, Salvi, Didic. Es sind etymologische Fossilien der bewegten Geschichte einer Region in der Mitte der Welt.
Salvatore erzählt seine Lebensgeschichte in einem mäandernden Monolog, wechselt zwischen Wahnsinn und Vernunft; schreibt mal für den Nervenarzt, mal im Internet, mal für sich selbst und verwebt die eigene Geschichte mit jener von Jorgenson und beschreibt dessen Initiationsgeschichte, die immer von einem Ziel angetrieben wird, dem Argonauten Jason gleich, der den goldenen Vlies ergattern will. Die Lebensreise als Heimkehr? Das Buch will gelesen werden, um darauf ein Antwort geben zu können. Der Autor präsentiert uns einen Scherbenhaufen und sagt zur gleichen Zeit, dass ohne dieses zerbrochene Kristall die Welt noch schlechter wäre. Worin Cippico Heilung findet für all die Verletzungen und Verluste, die das Leben ihm zufügt, ist zwischen den Seiten des Buches verborgen.
Aber Magris macht es mir nicht schwer, ihm zu vertrauen. Der Ausdruck in seiner Stimme wird entschiedener, manchmal voller Melancholie, aber zuversichtlich. Er erzählt, dass ihm die Stimme des Salvatore, der notwendige Duktus für das Schreiben des Buches, vor etwa zehn Jahren eingefallen sei. Seitdem habe er mit Unterbrechungen daran gearbeitet. Man darf nicht vergessen, dass das Buch bereits 2005 in Italien erschien. Dennoch wird klar, dass er sich lange mit der Thematik auseinander gesetzt hat. Er deutet an, dass sein eigenes Leben Untiefen für ihn bereit hielt, die ihn durch dieses dunkle Kapitel Weltgeschichte begleiteten. Welchen Verlust auch immer er erlitten hat, wahrscheinlich den Tod seiner Frau Marisa - Magris hat sich in das Werk verwoben, vielleicht unsichtbarer als in „Die Welt – en gros und en détail“? Er gesteht aber eine gewisse Besessenheit für das Thema ein, Mitgefühl für die Idealisten, die auf immer Verfolgte blieben, selbst bei ihrer Rückkehr nach Italien, Menschen, deren Schicksal nicht vergessen werden dürfe, sonst vergewaltige (K I!!) sie das Zeitgeschehen ein weiteres Mal.

Cippicos Geschichte könnte kein Drehbuch besser ersonnen haben und es wirkt so als wolle sich der Autor dafür entschuldigen. Magris sagt, wenn er sich die ganze Dramatik der Handlung einfach nur ausgedacht hätte, dann hätte man ihm Kitsch vorgeworfen. Diese Wendungen schreibe das Leben nicht, hätte man ihm vorgehalten und er hätte dem zustimmen wollen. Dabei zieht er die Schultern ein wenig hoch und lächelt verschmitzt. Aber das Leben kann schlimmer noch sein.
Er sei ein Wirklichkeits-Fanatiker. Jeden Ort - jedes einzelnen Erzählstranges und Handlungsfadens - habe er aufgesucht: Tasmanien bereist für Jorgenson; Goli Otok gesehen; wahrscheinlich ist er auch der Route der Argonauten gefolgt. In diese Wirklichkeit hat er den Wahnsinn eines Überlebenden gebettet, der sich schreibend, erzählend rettet. Sprache wird hier zum Elixier und ich muss an den Trank denken, den Medea ihrem Jason reicht, damit dieser den beiden stählernen, Feuer sprühenden Stieren ihres Vaters Aietes, widerstehen kann. Und Salvatore schreibt: „Ja, Geben und Nehmen, Sieg und Niederlage, das Straflager auf der Insel Goli Otok, und später badet man an denselben wunderbaren Adriastränden, der Kommunismus, der uns aus dem KZ befreit hat und in den Gulag steckte, wo wir durchgehalten haben im Namen des Genossen Stalin, der inzwischen andere von unseren Genossen in den Gulag steckte.“
Es ist die Geschichte der Monfalconesi, einer Gruppe von 2000 Menschen, Männer und Frauen mit flammenden Herzen Kommunisten, für die Partei und die eigenen Ideale nach Spanien gegangen, im Untergrund gelebt, als Partisanen gekämpft und als Antifaschisten enttarnt, nach Dachau verschleppt. Befreit und wieder in Italien wächst die Begeisterung für den Sozialismus im Osten, in Jugoslawien, wo Tito einen Arbeiter- und Bauernstaat aufbaut und die Kommunisten Italiens teilnehmen wollen, bis die Stalintreuen als Mitglieder der Kominform von Titos Häschern festgehalten und nach Goli Otok, der kahlen Strafinsel, umspült vom adriatischen Meer, vor der Küste Istriens, verschleppt werden. Drei Jahre holt sich Salvatore seine Behandlung auf Goli Otok ab, die doppelte Dosis: erst Dachau, dann Otok und nimmt sich Narben mit – äußere Verletzungen und innere, solche die die Seele und die Psyche bedrängen. '51 kommt er frei und wandert nach Australien aus und kehrt später in seine Heimat zurück. Dort will die machtvollste kommunistische Partei Europas von den ehemaligen Parteimitgliedern nichts wissen. Er, wie viele andere Heimkehrer von Goli Otok, werden ignoriert, fallen gelassen und von der Gesellschaft geächtet.

Mein Großonkel war Faschist. Der Bruder meiner Nonna - meiner Großmutter - war Faschist. Hitler, Franco, Duce – er muss sie verehrt, bewundert und geliebt haben. Warum sonst sollte er sich für den Kampf der Falange entschieden haben? Er starb dort, in Spanien. Ein Stein am Hang zum Castell' San Giusto erinnert an ihn. Meine Großmutter ging mit uns Kindern dort vorbei, als wir klein waren. Ihn hat sie geliebt. Ihren eignen Mann hat sie gehasst. Wäre er, ihr Ehemann, doch in den Krieg gezogen, ihr geliebter Bruder wäre noch am Leben. Aber ach, so ist der tapfere, der bessere der beiden Freunde gegangen und hat dem anderen das freundschaftliche Versprechen abgenommen, sich um die kleinste seiner Schwestern zu kümmern, wenn er selbst zurück bliebe. Aber das ist nicht meine Geschichte. Die Vorstellung aber, dass sich Männer mit Überzeugungen gegenüberstanden, Brüder, Triestiner, das berührt mich. Sie schossen sich in der Fremde gegenseitig nieder. Der eine ein ungeliebter Held, der andere ein Held für kurze Zeit. Der eine vergessen, der andere verloren. Und die Geschichte trägt nach: In dieser Familie gehen die geliebten Brüder verloren und die Schwestern bleiben zurück.

***

Salvatore und Jason, so erklärt uns der Gelehrte, trügen in ihren Namen den Heiler, den Arzt, den Erretter. Diese Analogie der Figuren ist Magris besonders wichtig. Es ist die Kraft ihrer Überzeugung, der Glaube, dass von ihrem Handeln das Wohlergehen der Menschheit abhänge, das Salvatore antreibt. Außerdem teilen Jason und Salvatore das Schicksal, sich am Verlust ihrer Liebe schuldig zu machen. Die Geschichte Jasons kennen wir: wie er Medea in den Wahnsinn trieb und wie sie sich schließlich auflöste, fort war und Jason mit den Ruinen ihrer Raserei zurück ließ. Auch Salvatore wird in eine große Leere schauen, als er verlassen wird. Wie es dazu kommt, das bleibt den Seiten überlassen, die zu lesen sind. Die Liebe jedenfalls spart Magris nicht aus in seinem Werk. Später frage ich ihn, ob Salvatore nicht auch ein wenig ihn, den Autor gerettet habe, indem er ihn aus dieser Obsession der Geschichte der Monfalconesi heraus geführt habe, und wann ihm die Idee und die Klarheit über die Namensgebung gekommen sei. Vielleicht dann, als sich ihm die Stimme offenbarte, die den Monolg führen würde, oder gar noch später, als er erkennen konnte, dass sein Buch ihm irgendwie gelingen würde? Er hätte sich dann dem Risiko des Scheiterns nicht für nichts ausgesetzt! Doch das Scheitern, so Magris, müsse man in Betracht ziehen, wenn man sich daran macht ein Buch zu schreiben. Diese kleine Lektion aus der Werkstatt, wie er beiläufig scherzend bemerkte, gab er uns noch mit und rundete sie mit einer kleinen Geschichte ab: Das Ende seines Romans ließ er von einer guten Freundin prüfen. Den drei Seiten, die er uns auf italienisch vorlas und mit denen eigentlich auch alles begonnen hatte, folgte, in einer früheren Fassung ein Ende, dessen sich der Autor damals ganz und gar unsicher gewesen war. Die Freundin las. Und sagte: Claudio, das kannst du doch nicht machen. Erst das ganze Drama und dann dieses „Heile –Welt“ - Ende! So scheitert man. Im Grunde sieht man die Probleme, auf die man gestoßen wird, schon vorher. Der Antrieb aber, sie zu bereinigen, ihnen ins Auge zu sehen: dazu braucht man Freunde, die einem den Kopf waschen, das Scheitern zumuten.

Ich bleibe derweil begeistert in dem Gedanken hängen, dass Magris alles gewusst hat, vor 18 Jahren in Amsterdam, als er die letzten drei Seiten schrieb und später suchend und schreibend sein Ende vergessen haben könnte. Ich komme in Gedanken zurück zu den Anfängen und wundere mich, wie ein Ende einen Anfang für eine große Erzählung setzen kann. Einige Tage später belehrt mich die Zeitschrift, die ich am Tage meiner Entdeckung, dass Magris in die Stadt kommt, kaufte, dass der Anfangsmythos einer Idee immer erst im Nachhinein erzählt wird. Der Anfang selbst weiß von sich nicht, der Anfang von etwas zu sein und ob er Ende eines anderen Seins ist, weiß er ebenso wenig, kann er nicht wissen. Der Anfangsmythos aber ist alles andere als unschuldig, er ist berechnend. Er konstruiert sich aus dem bereits Erreichten und dem programmatisch Vorgenommenen.
Aber zurück zu Magris Erläuterungen zu dem Namen Salvatore/ Jason/ Jorgenson. Magris betont die Vielstimmigkeit menschlichen Schicksals und so lässt er seine Figuren zu dem Chor werden, der Liebe, Schmerz, Tod, Leidenschaft, das Scheitern besingt und beweint, Themen, in die jeder einstimmen kann, weil sie jeder kennt. Etwas anderes aber dringt durch seine engagiert vorgetragenen Worte mit durch. Ihm geht es um die Gültigkeit von Lebensgeschichten. Die Einen mögen mehr zu erzählen haben als die Anderen, aber alle nehmen teil an den großen Mythen des Lebens. Ich denke mich in diesen Chor hinein und merke, dass ich den ganzen Abend schon nach Bezügen suche und sie in allem finde, was der Vortrag und die Präsenz des Autors anbieten. Ich bin in der Stimmung, Brücken zu bauen, fragile Gebilde, die aus Erinnerungen bestehen, die noch nicht einmal die meinen sind. Gebilde aus Gedanken, die ins Nichts abgleiten, wenn ich nicht versuche, den einen oder anderen festzuhalten. Und sei es nur für mich. Eine Form des Erinnerns - für Magris vielleicht eine Form der Navigation - für mich eher eine der Konstruktion oder besser: Rekonstruktion. So begebe ich mich nun schreibend in diese Anmaßung, mit ein paar Blättern Ordnung in die Welt bringen zu wollen, und befinde mich, ehe ich mich versehe, am Ursprung von Idee und Wirklichkeit.
Der kurze Einblick in die Werkstatt des Autors wird am Ende zu einem Lehrstück und Kreisschluss, wenn man an das eine große Thema des Romans, das Scheitern der Ideen, denkt. Ich stelle mir vor, wie er beim Schreiben sich in Salvatore erkennt. Man müsse bescheiden sein, sagt Magris, und zum Scheitern bereit.

September 2007

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